Fachbeitrag zum Thema “ATAXIE: Motorische Therapie bei ataktischen Bewegungsstörungen” von Hans Lamprecht

copyright: Hans Lamprecht

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Fachbeitrag von Hans Lamprecht zum Thema “ATAXIE: Motorische Therapie bei ataktischen Bewegungsstörungen”

Ataktische Bewegungsstörungen treten nach verschiedenen Ursachen auf. Bei MS sind sie sehr häufig (80% im Laufe der Erkrankung  (MSTKG MS Therapie Konsensusgruppe der DMSG; 2009)), aber sie können auch nach Schlaganfall oder nach Schädelhirntrauma auftreten.

Ataxie wird oft als Überbegriff für Schädigungen des Kleinhirns und/oder der Kleinhirnbahnen bezeichnet.

Grundlegend sollten die üblichen Ataxietests durchgeführt werden. Wichtig  für Therapeuten ist die Unterscheidung, ob die Schwierigkeiten bei offen oder bei geschlossenen Augen auftreten.

Falls die Schwierigkeiten deutlich mehr bei geschlossenen Augen auftreten, muss in der Therapie ohne visuelle Kontrolle geübt werden.

Beispiel Gleichgewicht:

Kann ein Patient beim Romberg Test mit offenen Augen gut stehen, kommt aber bei geschlossenen Augen stark ins Schwanken, muss das Gleichgewicht bei diesem Patienten auch ohne visuelle und taktile Kontrolle geübt werden.

Dies bedeutet übliches Gleichgewichtstraining, jedoch entweder mit geschlossenen Augen oder mindestens mit wechselndem Blick. Der Patient sollte sich nicht festhalten. Als Hilfe kann der Patient sich an Therabändern oder Seilen festhalten. Hintergrund des Unterschieds mit offenen oder geschlossenen Augen ist, dass bei vermehrten Schwierigkeiten ohne visuelle Kontrolle die afferenten Bahnen zum Kleinhirn (Hinterstrangbahnen= Spinocerebellären Bahnen) betroffen sind. Denn nur diese können über den Visus kompensiert werden. Möchten wir jedoch die Afferenzen trainieren, sollten wir eben gerade keine Visuskompensation zulassen.

Verbessern kann ich die afferenten Informationen auch durch vermehrten sensiblen, sensorischen Input z. B. durch Noppen und andere starke sensible Reize an der Fußsohle und für die Propriozeption.

Das gleiche Vorgehen gilt für die obere Extremität, wenn z. B. der Finger-Nasen-Test mit Visuskontrolle deutlich besser ausgeführt werden kann als ohne, muss ohne Visuskontrolle geübt werden.

Ataxie – Test:

  • Finger/Nasen-Test
  • Finger/Finger-Test
  • Knie/Hacke (oder verlängerter Knie/Hacke, wenn die Schienbeinkante noch entlang gefahren wird)
  • Dysdiadochokinese
  • Rebound
  • Romberg
  • Unterberger Tretversuch
  • Seiltänzer Gang

Wenn der Patient nur sehr geringe Gleichgewichtsprobleme hat, kann im Einbeinstand getestet werden.

Gerade MS Patienten zeigen oft Probleme der afferenten Informationen durch die spinalen oder sensiblen Ataxie, die sich eben ohne visuelle Kontrolle verschlechtert und die durch spinale Plaques in den afferenten Kleinhirnbahnen (Spinocerebelleren Bahnen) verursacht wird.

8.2     Therapie der Ataxie

Therapeutische Ansätze der Ataxie sind durch die Pathophysiologie der Ataxie geprägt.

Wenn die afferenten Bahnen betroffen sind, bedeutet dies Schwierigkeiten mit der Tiefensensibilität oder Propriozeption. Dies sollte wie oben beschrieben ohne visuelle Kontrolle mit viel peripherem Input repetitiv trainiert werden.

Insgesamt gelten bei Gleichgewichtstraining mit Ataxie-Patienten die gleichen Prinzipien wie beim üblichen Gleichgewichtstraining. Also von leicht zu schwer; von großer zu kleiner Unterstützungsfläche; von hart zu weich. Gleichgewicht muss immer an der Grenze geübt werden. Der Patient muss aus dem Gleichgewicht gebracht werden, bzw. um das Gleichgewicht ringen, um Gleichgewicht zu trainieren. Immer im Stehen oder im Gehen üben und ganz wichtig, Dual Task Übungen mit einbauen. Damit ist gemeint dass der Patient sich nicht auf sein Gleichgewicht konzentrieren soll, sondern möglichst zwei oder mehrere Dinge gleichzeitig durchführen soll, z. B. auf einem Bein stehen und reden oder rechnen oder etwas suchen. Meist ist ein Gleichgewichtstraining bei MS Patienten ohne Visus oder mit wechselndem Blick sinnvoll und der Patient darf sich nicht festhalten
Das Problem der Disdiadochokinese zeigt die Koordinationsschwierigkeiten bei ataktischen Bewegungsstörungen. Gerade reziproke Bewegungen müssen gezielt trainiert werden.

Koordinativ sind schnelle Bewegungen leichter als langsame, deshalb sollte man mit Ataxiepatienten von schnellen zu langsamen, bevorzugt mit reziproken Bewegungen trainieren.

Dies ist für Ataxiepatienten einfacher, wenn sie eine geführte Bewegung machen können. Deshalb sind Bewegungstrainer für obere und untere Extremität ideal, genauso wie Cross Walker oder andere geschlossene Systeme.

Kleinhirnschädigung ist immer mit einer allgemeinen Kraft/Tonusminderung vergesellschaftet. Deshalb ist ein dynamisches Kraft- und Ausdauertraining sinnvoll.

Widerstände erleichtern Ataxiepatienten die Bewegungen auszuführen. Deshalb ist es leichter mit etwas mehr Gewicht bzw. Widerstand zu trainieren und als Steigerung diesen abzubauen.

Auch können Gewichte als Hilfsmittel eingesetzt werden.

Gemeint sind Gewichtswesten, die man aus einem Geschäft für Tauchbedarf beziehen kann und auch Gewichte an oberen und unteren Extremitäten.

Natürlich sollte man Bewegungsübergänge von niedrigen Positionen zu höheren ebenso beüben. Krabbeln kann für viele Ataxiepatienten ein gezieltes Eigentraining bedeuten. Da sie keine Angst haben umzufallen und gleichzeitig reziprok die Muskulatur des gesamten Körpers trainieren.

Reziproke Muskulatur bedeutet im TIGO auch das rhythmische Treten, dies ist ebenso ein Agonistisches/Antagonistischens Wechseln der Aktivitäten der Beine oder der Arme.  Hier kann auch bei starker Ataxie gut trainiert werden. Dabei gilt: für Patienten mit Ataxie ist es leichter gegen Widerstand relativ schnell zu bewegen. Also sollten sich Patienten mit Ataxie beim Bewegungstraining der Arme oder Beine gegen Widerstand relativ schnell bewegen. Als Steigerung kann der Widerstand und die Geschwindigkeit gezielt reduziert werden.

Dies kann bei einem Bewegungstrainer gut eingestellt werden. Normale Ergometer sind durch das Watt gesteuerte Training anders eingestellt.  Watt gesteuertes Training bedeutet, dass bei langsamerer Umdrehung mehr Widerstand gegeben wird.
MS Patienten brauchen jedoch egal, ob sie durch die Paresen und die motorische Fatigue müder werden oder ob sie gezielt Koordination bei Ataxie trainieren, bei langsamerer Geschwindigkeit einen geringeren und  nicht einen erhöhten Widerstand.

Oft kann es bei Ataxie sinnvoll sein, dass die Umdrehungszahl, d. h. die Geschwindigkeit, entsprechend vorgegeben sein sollte. Auch dies ist bei einem Bewegungstrainer mit dem entsprechenden Programm einstellbar.

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2 Gedanken zu „Fachbeitrag zum Thema “ATAXIE: Motorische Therapie bei ataktischen Bewegungsstörungen” von Hans Lamprecht

  1. Diese Seite war für mich sehr hilfreich, da ich mir ein Ergometer anschaffen muß.
    Können Sie mir ein Gerät empfehlen, welches die in ihrem Artikel genannten Anforderungen für MS-/bzw. Ataxie-Patienten erfüllt. Danke




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