Eine Physiotherapeutin in der Schweiz

Charlotte Wuttke

Interview mit Charlotte Wuttke

Kurzinfo

Charlotte Wuttke ist Physiotherapeutin und lebt in der Schweiz. Sie berichtet von ihrem beruflichen Alltag und den Herausforderungen im Ausland.

Interview

PHYSIOtalk: Hallo Frau Wuttke, wo genau leben & arbeiten Sie?

Charlotte Wuttke: Ich arbeite in Grenchen in einer Praxis in der Kirchstrasse 1, die von drei holländischen Chefs geführt wird. Grenchen liegt im Kanton Solothurn in der Nähe von Biel, Bern und Solothurn.

“Ich kann nur für mich persönlich sprechen, aber es ist offener hier in der Schweiz als in den deutschen Praxen, wo ich vorher gearbeitet habe.”

PHYSIOtalk: Wann sind Sie ausgewandert und wo haben Sie vorher gelebt?

Charlotte Wuttke: Ich bin im April 2012 in die Schweiz gezogen. Vorher habe ich in mehreren Städten in Deutschland gelebt.

PHYSIOtalk: Was waren die 3 Hauptgründe für Ihre Auswanderung?

Charlotte Wuttke: Da gab es mehrere. Sicherlich der ausschlaggebende war die generelle Situation der Physiotherapeuten in Deutschland. Nach meinem Master in Australien war es ziemlich schwer sich in Deutschland wieder einzuleben. Ich arbeite gerne unabhängig und im fairen Kontakt mit den Ärzten, das war in Deutschland schon immer schwierig. Und ich liebe andere Mentalitäten und somit war das Ausland für mich immer relevant. Außerdem kann ich meinen Lebensstandard in der Schweiz viel besser halten. Mehr Freiheit auf der Arbeitsstelle, Lust auf Ausland und bessere Bezahlung waren wohl die drei Hauptgründe.

PHYSIOtalk: Was genau sind Ihre Arbeitsschwerpunkte?

Charlotte Wuttke: Musculoskeletal und sportphysiotherapeutisch durch den Master und da ich auch die CRAFTA gemacht habe, sicherlich auch die Kiefer- und Kopfregion. Kinderkopfschmerz gehört zu meinen Interessensgebieten, wird bei uns in der Praxis aber eher selten behandelt.

PHYSIOtalk: Haben Sie Angestelle?

Charlotte Wuttke: Nein.

PHYSIOtalk: Wie lange sind Sie schon Physiotherapeutin und wie lange arbeiten Sie in Ihrer jetzigen Tätigkeit?

Charlotte Wuttke: Ich bin seit 2003 fertige Physiotherapeutin und arbeite nun seit 2 Jahren hier in der Schweiz beim gleichen Arbeitgeber.

PHYSIOtalk: Wie kann man sich die Ausbildung in der Schweiz vorstellen bzw. gibt es Unterschiede zu einer Ausbildung in Ihrem Heimatland?

Charlotte Wuttke: Ich habe meine Ausbildung in Deutschland gemacht und bin dann 2009 nach Australien gegangen um einen akademischen Abschluss zu erlangen und mich nochmal zu spezialisieren in manueller Therapie und Sportphysiotherapie. Deswegen kann ich so nicht direkt etwas zu der Ausbildung hier sagen. Es ist ein Studium und in seinen Strukturen klarer. In Deutschland ist es wohl etwas konfuser, wenn die Ausbildung mit den akademischen Ausbildungsstrukturen eher konträr läuft.

“Es gibt nichts schöneres, als wenn Patienten aktiv mitdenken und mitarbeiten.”

PHYSIOtalk: Wie hoch ist in Ihrem Land das Durchschnittsgehalt eines Einsteigers?

Charlotte Wuttke: Ich schätze so 5.000 CHF (PHYSIOtalk: ca. 4.000 Euro), je nach Kanton.

PHYSIOtalk: Wie sind Ihre Arbeitszeiten?

Charlotte Wuttke: Sehr flexibel. Im Grunde müssen meine Patienten gut versorgt sein und ich sollte 2 Abende in der Praxis sein. Ich kann zwischen 6:00 und 23:00 arbeiten ;), wenn ich das möchte. Das wird aber nicht von uns verlangt.

PHYSIOtalk: Sind das in Ihrem Land übliche Arbeitszeiten?

Charlotte Wuttke:
Ja, ich denke schon. In der Regel haben die Praxen von 7:00 bis 20:00 geöffnet. Ausnahmen gibt es immer.

PHYSIOtalk: Wie sind Ihre Arbeitsbedingungen bzw. gibt es einen deutlichen Unterschied zu Ihrem Heimatland?

Charlotte Wuttke: Ja, den gibt es. Es ist deutlich weniger Bürokratie und die Krankenkassen sind hier auch loyaler. Ich kann nur für mich persönlich sprechen, aber es ist offener hier in der Schweiz als in den deutschen Praxen, wo ich vorher gearbeitet habe.

PHYSIOtalk: Was lieben Sie an Ihrer Arbeit?

Charlotte Wuttke: Dass ich mir auch mal die Freiheit rausnehmen kann, mal früher gehen zu können und das ich meine freien Tage ohne große Mühe bekomme. Unsere Patienten sind in der Mehrheit sehr bescheiden und meist unkompliziert. Und ich habe hier therapeutische Freiheiten, die ich so in Deutschland nicht hatte.

PHYSIOtalk: Was sind die Herausforderungen im Alltag und gibt es gravierende Unterschiede zu Ihrem Heimatland?

Charlotte Wuttke: Die gibt es sicherlich, aber ich mag die schweizer Mentalität. Es ist alles etwas langsamer, aber genau mein Tempo. Aber im Grunde ist es überall doch so: Wie man in den Wald hinein schreit so schallt es aus ihm heraus. Ich habe in den USA, Australien und in mehreren Teilen von Deutschland gelebt und anpassen muss man sich überall.

PHYSIOtalk: Was wünschen Sie sich von Ihren Patienten?

Charlotte Wuttke: Mitarbeit !!! Es gibt nichts schöneres, als wenn Patienten aktiv mitdenken und mitarbeiten. Dann kommt man auch schneller ans Ziel.

PHYSIOtalk: Sind Sie ein Verbandsmitglied?

Charlotte Wuttke: Ich bin beim DVMT.

PHYSIOtalk: Was wünschen Sie sich von einem Berufsverband?

Charlotte Wuttke: Das ist schwierig. Ich denke, dass die Berufsverbände es schwer haben sich durch zu setzen. Aber so lange mache noch Hot Stone Fortbildungen als Therapiemöglichkeit anbieten, werden sie auch von den Krankenkassen nicht ernst genommen.

PHYSIOtalk: Wie lange meinen Sie, können Sie Ihren Beruf in der gleichen Form ausüben?

Charlotte Wuttke: Ich hoffe bis zum Ende !!! Es wird sich sicherlich noch was verändern. Schauen wir mal !!!

PHYSIOtalk: Planen Sie Ihre Zukunft als Physiotherapeut in der Schweiz oder haben Sie vor, wieder in Ihrem Heimatland zu arbeiten?

Charlotte Wuttke: Nein, vorerst nicht. Ich habe es hier in der Schweiz gut angetroffen und auch mittlerweile meinen Partner hier gefunden. Mein Sozial- und Arbeitsleben möchte ich nicht mehr gegen Deutschland eintauschen.

PHYSIOtalk: Nutzen Sie E-learning oder besuchen Sie ab und an Internetseiten für Ihren Beruf?

Charlotte Wuttke: Ich besuche regelmäßig verschiedene Datenbänke um neue Studien an zu schauen. Spezielles E-learning mache ich nicht.

PHYSIOtalk: Was ist Ihnen das Wichtigste als Physiotherapeut/in?

Charlotte Wuttke: Ein guter und fairer Umgang zwischen Patient und Therapeut, den man auch gut mit Teamwork beschreiben könnte. So können beide Seiten davon profitieren.

PHYSIOtalk: Und was würden Sie sich für Ihre Berufsgruppe wünschen, wenn Sie einen Wunsch frei hätten?

Charlotte Wuttke: Speziell für Deutschland aber auch für die Schweiz wären das bessere Arbeitsbedingungen. Mehr Zeit am Patient und bessere Vergütung. Der Erstkontakt wäre für unsere Berufsgruppe ein Schritt in die richtige Richtung. Hier müsste aber vorher an der Basis gearbeitet werden und die Ausbildung akademisch werden. Am englischen Ausland könnte man sich eine Scheibe abschneiden.

PHYSIOtalk bedankt sich recht herzlich bei Ihnen für das sehr interessante Interview, wünscht Ihnen alles Gute für die Zukunft und bleiben Sie gesund!




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