Tensegrity Konzept

Dr. Christian Stein

Fachbeitrag von Dr. Christian Stein

Kurzinfo Dr. Christian Stein

Dr. Christian Stein arbeitet als Arzt und Osteopath  in Hannover und ist spezialisiert auf die Behandlung der Schmerzen des Bewegungsapparates.

Der Fachbeitrag

Tensegrity Konzept
Dieses Konzept befasst sich mit den Beschwerden des Bewegungsapparates. Unterschiedliche Einflüsse auf das myofasziale System werden sowohl diagnostisch als auch therapeutisch berücksichtigt. Das Tensegrity Konzept betrachtet dazu sechs relevante Systeme, die Einfluß auf das Fasziengewebe haben:
Mechanisches System
Metabolisches System
Endokrinologisches System
Neurovegetatives System
Psychoemotionales System
Immunologisches System

Auf mechanischer Ebene wird angenommen, dass fasziale (bindegewebige) Distorsionen und Adhäsionen zu Schmerzen und Einschränkungen des Bewegunssystems führen. Die derzeitige Faszienforschung gibt dazu zahlreiche Hinweise (s. Kongreßbände Fascia Research Congress (1-4)). Im Mittelpunkt des Konzeptes steht daher die effiziente Diagnose und Therapie der (myo-)faszial verursachten Beschwerden.

Definition Tensegrity:
Tensegrity ist ein zusammengesetztes englisches Wort aus tension (Zugspannung) und integrity (Ganzheit, Zusammenhalt). Es bezeichnet die Richard Buckminster Fuller und Kenneth Snelson zugeschriebene Erfindung eines stabilen „Stabwerks“ (s.Abb.1), in dem sich die Stäbe nicht untereinander berühren, lediglich durch Zugelemente (zum Beispiel Seile) miteinander verbunden sind. Im verallgemeinerten Fall sind die lediglich Druckspannungen unterworfenen Stäbe durch beliebig geformte starre Körper ersetzbar (z.B. Knochen), in denen durch die verbindenden Zugelemente (Faszien) auch Biege- und Schubspannungen erzeugt werden (Abb. 2). … (adaptiert n. Wikipedia Quelle: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Tensegrity_(Architektur)&redirect=no)

Ursprung: Im medizinischen Sektor sind im Bereich Tensegrity vor allem Donald Ingber (PhD) und Stephen Levin (MD) zu nennen. Ingber zeichnet sich für die Forschung und Entwicklung des Tensegrity auf zellulärer Ebene verantwortlich. Stephen M. Levin (MD) ist Orthopäde aus Amerika und hat das Tensegrity Denkmodell auf makroskopischer Ebene weiterentwickelt. Sie zeigten auf, dass das Konzept von allen Subsystemen bis hin zu den makroskopischen Ebenen funktioniert – es ist ein hierarchisches Prinzip.

Abb. 1 Tensegrity Modell Single Tensioned Pelvis (Intension Designs http://www.intensiondesigns.com/models.html)

Abb. 1
Tensegrity Modell Single Tensioned Pelvis
(Intension Designs http://www.intensiondesigns.com/models.html)

 

Abb. 2

Abb. 2

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Tensegrity vs. klassisch mechanische Sichtweise
Die einwirkenden Kräfte auf ein Tensegrity System werden durch die sog. Vorspannung („prestress“) innerhalb des gesamten Netzwerkes verteilt. Vorteil dieser Konstruktion ist, dass die kompressionsableitenden Elemente voneinander isoliert sind. Sie können dadurch unabhängig voneinander belastet werden. Im Tensegrity Konzept wird das Modell auf den menschlichen Körper übertragen. Die Knochen sind dabei „schwebend“ innerhalb der myofaszialen Strukturen aufgehängt. Das resultierende mechanische Verhalten ist grundlegend anders als in vielen biomechanischen Denkmodellen vermutet wird. Oft wird angenommen, dass die Strukturen abhängig von Hebelgesetzen funktionieren und lineare Belastungskurven zeigen. In biologischen Systemen reagieren jedoch sowohl die einzelnen Zellen als auch die Gewebe nichtlinear. Tensegritystrukturen zeigen nichtlineare Belastungskurven und spiegeln daher das mechanische Verhalten biologischer Systeme optimal wieder. Die bisher favorisierten Erklärungsmodelle, in denen das Skelett als “übereinander gestapelt Steine” gesehen wurde, wird durch das Biotensegrity-Konzept (nach S.M. Levin) weitreichend modifiziert. Der „Stapel aus Knochen“, der durch schwerkraftabhängige Hebel reguliert wird, reagiert mechanisch anders auf die einwirkenden Kräfte als die Tensegritystrukturen unseres Körpers. Die oben erwähnten Eigenschaften (s. Definition) ermöglichen zudem geringsten Energieverbrauch. Tensegritystrukturen ähneln daher den in der Natur beobachtbaren Phänomenen auffallend gut. Durch den speziellen Aufbau erlauben diese Systeme ein Höchstmaß an Flexibilität (bewegliche Gelenke) bei gleichzeitiger Stabilität, Ökonomie und Adaptationsfähigkeit (nach Levin (1)).

Ein Großteil der Patienten niedergelassener Hausärzte und Orthopäden weist „funktionelle“ Erkrankungen des Bewegungsapparates auf. Die Schwierigkeit besteht oft darin, dass es keinerlei morphologischen Veränderungen der Patienten gibt, die die Einschränkung der Funktion oder die Schmerzursache darstellen können. Andererseits gibt es morphologische Befunde, die zu keinerlei Einschränkungen der Funktion oder Schmerzen führen. Beispielhaft seien hier pathologische Veränderungen der Bandscheiben (Protrusionen z.B.) aufgeführt, welche für die Patienten keinen Krankheitswert besitzen (6,7). Für die Wirbelsäule sind zahlreiche Studien bekannt, die zeigen, dass die Ätiologie vieler Beschwerden schwierig ist. In der Mehrzahl der Fälle ist nicht eindeutig
zuzuordnen, woher die Probleme kommen (2-5). Auch Arthrosezeichen (Hüfte / Wirbelsäule / …) müssen nicht zwangsläufig mit Schmerzen oder Einschränkungen einhergehen. In diesem Spannungsfeld befinden sich sowohl die Patienten als auch die Ärzte. Die Schwierigkeit besteht daher darin, von anatomischen Veränderungen ausgehend, Rückschlüsse auf die Funktion zu ziehen. Das ist kaum möglich. Der Vergleich Mensch – Maschine ist aufgrund der unterschiedlichen Toleranzbereiche und fehlenden Adaptationsbereiche der Maschine nicht brauchbar. Der menschliche Körper hat im Laufe der Evolution die Fähigkeit entwickelt, sich den einwirkenden Reizen anzupassen. Diese Adaptationsfähigkeit ermöglicht es dem Körper, trotz Belastungen über sein physiologisches Maß hinaus zu funktionieren8. Der Moment der Dekompensation, scheint für jeden Menschen sehr individuell zu sein und hängt von vielen Faktoren ab (s.o. 6 Systeme). Solomonow beschrieb detailliert, wie schon physiologische (mechanische) Belastungen der Faszien zu Anpassungsreaktionen mit erhöhter muskulärer Aktivität führen können (9). Auch muskuloligamentäre Reflexe sind von ihm beschrieben worden.

„Als praktische Disziplin ist die Medizin mehr als andere theoretische Wissenschaften an Erfolgen orientiert.“ (10)

Das Tensegrity Konzept (TK) bietet ein effektives Diagnose- und Behandlungskonzept des
myofaszialen Systems. Die Diagnosefindung im mechanischen Bereich orientiert sich nur partiell am derzeit gebräuchlichen nosologischen System. Im Gegensatz zu den nosologischen (an den pathomorphologischen) Befunden orientierten Diagnosen der ICD-10, spielen im TK die Funktionen und Funktionsdefizite des Patienten die wichtigste Rolle. Der Prozeß führt zu Diagnosen, die handlungsorientiert sind – also auch für die praktische Umsetzung relevant sind. Vor allem im Sportbereich und der Behandlung funktioneller Beschwerden des Bewegungsapparates bietet das Tensegrity Konzept wertvolle therapeutische Strategien und Erklärungsmodelle.

in Anlehnung an S. Levin MD & D.-C. Martin: Biotensegrity - The mechanics of fascia (in Fascia - The tensional network of the human body - S. 139; R. Schleip, T. W. Findley, L. Chaitow, P.A. Huijing - Churchill Livingstone 2012)

in Anlehnung an S. Levin MD & D.-C. Martin: Biotensegrity – The mechanics of fascia (in Fascia – The tensional network of the human body – S. 139; R. Schleip, T. W. Findley, L. Chaitow, P.A. Huijing – Churchill
Livingstone 2012)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Referenzen
1.
LEVIN, S. M. & Martin, D. C. in Fascia: The Tensional Network of the Human Body: The Science and Clinical Applications in Manual and
Movement Therapy 138–142 (Churchill Livingstone, Elsevier).
2.
Spratt, K. F., Lehmann, T. R., Weinstein, J. N. & Sayre, H. A. A new approach to the low-back physical examination. Behavioral
assessment of mechanical signs. Spine 15, 96–102 (1990).
3.
Hendler, N., Viernstein, M., Gucer, P. & Long, D. A preoperative screening test for chronic back pain patients. Psychosomatics 20,
801–808 (1979).
4.
Magora, A. Investigation of the relation between low back pain and occupation. VII. Neurologic and orthopedic condition. Scand
J Rehabil Med 7, 146–151 (1975).
5.
Waddell, G. Clinical assessment of lumbar impairment. Clinical orthopaedics and related research (1987).
6.
Boos, N., Rieder, R., Schade, V., Spratt, K. & Semmer, N. 1995 Volvo Award in clinical sciences. The diagnostic accuracy of
magnetic resonance imaging, work perception, and psychosocial factors in identifying symptomatic …. Spine (1995).
7.
Boden, S., Davis, D. & Dina, T. Abnormal magnetic-resonance scans of the lumbar spine in asymptomatic subjects. A prospective
investigation. The Journal of bone … (1990).
8.
Lederman, E. The fall of the postural–structural–biomechanical model in manual and physical therapies: Exemplified by lower
back pain. CPDO Online Journal 1–14 (2010). at <http://www.cpdo.net/Lederman_The_fall_of_the_postural-structuralbiomechanical_ model.pdf>
9.
Solomonow, M. Ligaments: A source of musculoskeletal disorders. Journal of Bodywork and Movement Therapies 13, 136–154
(2009).
10.
Wieland, W. Diagnose. (Hoof, J, 1975).

2 Gedanken zu „Tensegrity Konzept

    1. Hallo Herr Sparmann,

      leider gibt es auf PHYSIOtalk.de zu dem Thema momentan noch keine Fortbildungen.

      Bitte setzen Sie sich über PHYSIOtalk direkt mit Dr. Christian Stein in Verbindung oder nehmen Sie telefonisch Kontakt zu FiHH auf unter 040 – 232705. Hier können Ihnen genauere Informationen gegeben werden.

      Viele Grüße

      Ihr PHYSIOtalk-Team




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