Physiotherapeutisierung der Osteopathie

Juergen Groebmueller hpO

Interview mit Jürgen Gröbmüller

Kurzinfo Jürgen Gröbmüller

Jürgen Gröbmüller ist Vorsitzender der Berufsvereinigung für heilkundlich praktizierte Osteopathie hpO e.V. Er schildert die Ziele und Ansichten seiner Vereinigung.

Das Interview

PHYSIOtalk: Herr Gröbmüller, vielen Dank, dass Sie uns für ein Interview zur Verfügung stehen. Mögen Sie sich, Ihre Arbeit und die Vereinigung kurz vorstellen?Logo hpO

Jürgen Gröbmüller: Gern. Wir haben die Berufsvereinigung für heilkundlich praktizierte Osteopathie, hpO, vor knapp einem Jahr gegründet, weil die osteopathische Berufspolitik – mit Ausnahme der WPO Osteo in Hessen – seit 20 Jahren keine nennenswerte Ergebnisse vorzuweisen hat.
Wir meinen, dass man nur aus einer rechtlich sicheren Position heraus zielführend Berufspolitik betreiben kann. Deshalb besitzen unsere ordentlichen Mitglieder die Heilerlaubnis oder Approbation und eine entsprechend qualifizierten osteopathische Ausbildung.
Wir halten die Forderung nach einem dritten Heilberuf ausschließlich für Osteopathen für illusorisch und glauben, dass wir nur im Schulterschluss mit anderen komplementären Heilverfahren etwas bewegen können.
All diese Punkte sind Gegenstand unserer Verbandsarbeit.
Ich selbst bin Physiotherapeut, besitze die Heilerlaubnis als Heilpraktiker und arbeite in meiner Praxis in München ausschließlich osteopathisch.

“Osteopathie ist aber eigene komplementäre Form der Heilkunde und insofern mehr als nur ein therapeutisches Verfahren.”

PHYSIOtalk: Sie beschäftigen sich u.a. mit dem Beschluss „Stärkung der therapeutischen- und Assistenzberufe im Gesundheitswesen“. Könnte das für die Osteopathie nicht problematisch werden?

Jürgen Gröbmüller: Durchaus. Wir befürworten die geplante Stärkung der therapeutischen- und Assistenzberufe, sehen aber die große Gefahr, dass spätestens wenn Physiotherapeuten eine größere Versorgungsverantwortung erhalten, Teile der Osteopathie in die Physiotherapie eingegliedert werden.
Osteopathie ist aber eigene komplementäre Form der Heilkunde und insofern mehr als nur ein therapeutisches Verfahren. Das bloße Anwenden einzelner osteopathischer Techniken innerhalb der fachlichen und rechtlichen Grenzen des eigenen Berufs ist noch keine Osteopathie. Das müssen wir Therapeuten ebenso wie Patienten klar machen.

PHYSIOtalk: Was spricht nach wie vor für eine fünfjährige Ausbildung zum Osteopathen?

Jürgen Gröbmüller: Zwei Gründe: Osteopathie ist wie gesagt Heilkunde. Ich muss also nicht nur das Behandeln, sondern auch das Diagnostizieren erlernen, und zwar nicht nur des Bewegungs- und Stützapparates, sondern auch von Brusthöhle, Bauch- und Beckenraum sowie Kranium mit all den darin enthaltenen Strukturen. Das erfordert seine Zeit und ist Nicht-Medizinern berufsbegleitend in weniger Zeit kaum zu vermitteln.
Zum Zweiten: Es braucht viel Zeit und viel Übung, bis ich meine Hände zu feinfühligen Instrumenten entwickelt habe, mit denen ich in den Körper „hineinhorchen“ kann, um Funktionsstörungen aufzuspüren und zu behandeln.
Bei all dem darf nicht vergessen werden, dass ich spätestens nach der Ausbildung die Heilerlaubnis für die Ausübung der Osteopathie brauche!

“Es braucht viel Zeit und viel Übung, bis ich meine Hände zu feinfühligen Instrumenten entwickelt habe, mit denen ich in den Körper „hineinhorchen“ kann, um Funktionsstörungen aufzuspüren und zu behandeln.”

PHYSIOtalk: Welche „Mitbewerber“ fürchten Sie?

Jürgen Gröbmüller: Wir wehren uns gegen den Etikettenschwindel, der mit der Osteopathie betrieben wird. Wo Osteopathie drauf steht, muss auch Osteopathie als Ganzes enthalten sein. Wer sich nicht die notwendige Zeit für die Ausbildung nimmt oder für die Behandlung nur Teile daraus entnimmt, bietet noch keine Osteopathie an.
Um es an einem Beispiel deutlich zu machen: Wenn jemand ausschließlich Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation erlernt hat und betreibt, übt er noch keine Physiotherapie aus.

PHYSIOtalk: Bleibt die Osteopathie Heilkunde?

Jürgen Gröbmüller: Sie ist Heilkunde und daran gibt es nichts zu deuteln. Und da Heilkunde in Deutschland nur von Ärzten und Heilpraktikern praktiziert werden kann, braucht jeder, der Osteopathie praktiziert, eine Approbation oder Heilerlaubnis. So habe auch ich es auch gemacht und habe die Heilerlaubnis als Heilpraktiker erworben.
Im Nachhinein muss ich sagen, die Vorbereitung auf die HP-Prüfung hat mir für die tägliche Praxis sehr viel gebracht. Es war keine lästige Formalität, sondern ich habe viel von dem dazugelernt, was ich benötige, wenn ich Patienten im Primärkontakt behandle. Der Primärkontakt ist für die Osteopathie entscheidend. Nur durch ihn ist die Behandlungsfreiheit gewährleistet, so das alle Bereiche der Osteopathie auch rechtlich ausgeführt werden dürfen.

PHYSIOtalk: Wo können sich Interessierte zu diesem Thema melden?

Jürgen Gröbmüller: Interessenten können sich gern an die hpO wenden. Eine kurze E-Mail an: contact@hpo-osteopathie.de genügt.
Für Physiotherapeuten, die Osteopathie erlernt haben, aber noch keine Heilerlaubnis besitzen, haben wir eigens einen 15-tägigen HP-Intensivkurs entwickelt, der die Lehrinhalte und die Kompetenz vermittelt, um die allgemeine Heilpraktiker-Prüfung bestehen zu können. Dabei baut der Inhalt des Kurses auf den Fachkenntnissen der Physiotherapie- und Osteopathieausbildung auf.
Aufgrund ihrer manuellen Arbeit an Patienten bringen Physiotherapeuten die besten Voraussetzungen mit, um gut Osteopathie erlernen zu können.

PHYSIOtalk: Wo sehen Sie die Osteopathie in 10 Jahren?

Jürgen Gröbmüller: Ich habe keine Glaskugel, aber wir werden als hpO alles daran setzen, dass Osteopathie als Ganzes erhalten bleibt und Patienten sicher sein können, dass ihr Therapeut über eine langjährige, qualifizierte Ausbildung verfügt und Osteopathie rechtsicher praktizieren darf.

5 Gedanken zu „Physiotherapeutisierung der Osteopathie

  1. Liebe Monika Lichtenberg,

    ihr Kommentar freut mich natürlich sehr! Glückwunsch zur kürzlich bestandenen HP-Prüfung! Mich verwundert die Einstellung etlicher Kollegen, die viel Geld in ihre osteopathische Ausbildung investiert haben, aber nicht bereit sind, den letzten Schritt der Heilpraktikerprüfung zu gehen. Dabei können sie nur so rechtssicher und im Primärkontakt arbeiten und nur so dürfen sie Osteopathie praktizieren. Ein Fall genügt und es geht an die Existenz. Wir in der hpO hoffen das viele Kollegen Ihrem Beispiel folgen und ihre hochwertige Ausbildung auch in den rechtlichen Berufsstatus bringen, der für Ausübung der Osteopathie notwendig ist.

    Liebe Grüße
    Jürgen Gröbmüller

    1. Liebe(r) Beyer,

      grundsätzlich geben ich ihnen völlig Recht was das Medizinstudium angeht. Das hätte ich vielleicht auch studiert, wenn ich in USA, Russland oder in einem anderen Land leben würde. In Deutschland gelten aber andere Gesetze im Gesundheitswesen. Wir können uns glücklich schätzen in Deutschland zwei Berufe zu haben, die die Heilerlaubnis besitzen, Arzt und HP.
      Wenn hierzulande die Durchführung der Osteopathie an ein Medizinstudium gekoppelt werden würde, dann würde ich auf ihren Vorschlag zurückkommen und Medizin studieren, vielen Dank für den Hinweis. VG

  2. Die Osteopathisierung der Osteopathie ist seit mindestens 30 Jahren abgeschlossen, indem der DO der USA dem DM gleichgestellt wurde. Aber bereits in den 40 Jahren des letzten Jh. wurde von Koo und vielen anderen der Bezug zur Physiologie hergestellt und fast parallel von russ Physiologen untermauert (Spereansky auch in den USA erschienen).
    Je mehr dieser Prozess dem Abschluss entgegen ging wurde versucht der so genanntren “Osteopathie” einen Anstrich einer besonderen Medizin zu geben.

  3. Lieber Herr Jürgen Gröbmöller,
    vielen Dank für die klaren Worte.
    Ich, selbst Physiotherapeutin mit 5 jährigen berufsbegleitenden Osteopathiestudium und seit Mai 2015
    Heilpraktikerin, kann nur sagen, sie sprechen mir aus der Seele.
    Liebe und kollegiale Grüße
    Monika Lichtenberg




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