Die Wirbelsäule als Ursache des Reizdarmsyndroms?

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Fachbeitrag von Andrea Oberhofer

Kurzinfo Andrea Oberhofer

Andrea Oberhofer ist Physiotherapeutin und Heilpraktikerin in Erlangen.
In ihrer Privatpraxis für Naturheilkunde und Physiotherapie leitet sie das Lehrinstitut für Sympathikus-Therapie.

Der Fachbeitrag

Eine wesentliche Voraussetzung für Wissenschaft hat Humboldt formuliert. „Miss alles, was Du messen kannst. Und wenn Du es nicht messen kannst, dann mach es messbar“. Das ist auch die Basis der Schulmedizin.
Beim Reizdarm beispielsweise gibt es nichts Eindeutiges, was sie messen kann und findet deswegen auch keine Therapiemöglichkeit.

Das mysteriöse Reizdarmsyndrom wirft daher schon lange Fragen auf. Am Ende aller Erklärungsversuche steht oft ein unklares Geschehen mit vielen möglichen
Ursachen. Aber es gibt eine einfache und mögliche Erklärung für dieses funktionelle Krankheitsbild. Und die ist manualtherapeutisch erfolgreich anzugehen!

“Nahezu 50% aller Patienten mit Magen-Darm-Beschwerden haben ein Reizdarmsyndrom”

Nach Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs-und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) liegt ein Reizdarmsyndrom dann vor, wenn die folgenden drei Punkte bei einem Patienten
erfüllt sind:
• Der Patient leidet unter chronischen (das heißt länger als drei Monate anhaltenden) darmbezogenen Beschwerden wie Bauchschmerzen, Blähungen, die in der Regel mit Stuhlgangsveränderungen wie Durchfall oder Verstopfung einhergehen.
• Aufgrund der Beschwerden liegt eine relevante Beeinträchtigung der Lebensqualität vor.
• Es liegen keine für andere Krankheitsbilder charakteristischen Veränderungen vor, welche die Beschwerden erklären könnten.

Der Reizdarm als Ausschlussdiagnose

Nahezu 50% aller Patienten mit Magen-Darm-Beschwerden haben ein Reizdarmsyndrom. Da Reizdarm eine Ausschlussdiagnose darstellt, sollten andere Ursachen vorher ausgeschlossen werden, damit man von einem Reizdarmsyndrom ausgehen kann. (Man könnte es aber auch probatorisch erst einmal manuell behandeln- aber dazu später im Text…..) Andere Ursachen können z. B. chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis Ulcerosa sein, Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie z. B. Laktose-oder Fruktoseintoleranz und im schlimmen Fall auch Darmkrebs, den es auszuschließen gilt.
Diese Untersuchungen werden in der Regel endoskopisch bzw. sonographisch durchgeführt. Laboruntersuchungen beschränken sich meist auf die Suche nach verstecktem (okkultem) Blut im Stuhl sowie auf die Bestimmung von Entzündungsmarkern, welche Hinweise auf eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung geben können. In der Hälfte aller Fälle allerdings bleiben diese Analysen ohne organischen Befund! Für die Patienten ist dies beruhigend und dennoch sehr unbefriedigend, denn sie stehen mit ihrem Leiden ohne echte Hilfe da. Ein Hinweis des Arztes auf Entspannungsmethoden und weniger Stress deutet den Patienten eine psychische Ursache an.

Den Reizdarm als vegetative Dysfunktion begreifen

Damit die Verdauung optimal abläuft müssen die Verdauungssäfte zur rechten Zeit und in entsprechender Menge fließen, da es sonst zu einer gestörten Vor-Verdauung und damit zu einem nicht ausreichend verdautem Nahrungsbrei im Darm kommt. Dies führt wiederum oft zu Blähungen und die dadurch erzeugten Beschwerden wie Krämpfe und Stuhlunregelmäßigkeiten..
Bei einer mikroskopischen Stuhluntersuchung kann man dann unverdaute Nahrungsrückstände im Stuhl finden. Diese weisen auf die am häufigsten vorkommende Verdauungsinsuffizienz hin, die exokrine Pankreasinsuffizienz. Die Bauchspeicheldrüse stellt mehrere Enzyme her, die für die Spaltung der Nahrung (Eiweiße, Fette und Kohlenhydrate) notwendig sind. Wenn sie dies nicht mehr zu Genüge leistet, dann haben wir unverdaute Nahrungsbestandteile, welche im Bereich des Dickdarms dann zu verstärkten Verdauungsgasen führen.
Ähnlich verhält es sich mit den Gallensäuresekretionsstörungen. Mit zu wenig Gallensäuren funktionieren weder Fettspaltung noch Resorption. Ein solcher Mangel hat nicht zwangsläufig mit einem Leberschaden oder mit der Verlegung der Gallengänge zu tun. Häufig bestehen funktionelle Störungen der Gallensäureproduktion.
Aber woher rühren denn nun diese funktionellen Störungen der Verdauungssektion?

Bei Phänomenen in der Medizin, die man nicht erklären kann, liegt in den allermeisten Fällen das Problem in der Wirbelsäule

Hier werden wir fündig, wenn es bei vielen regionalen chronischen Erkrankungen keine so rechte Erklärung gibt. So auch beim Reizdarmsyndrom. Die vegetative Steuerung unserer inneren Organfunktion ist hier beeinträchtigt.

Dem Reizdarm-Patienten wird oft empfohlen Stress zu reduzieren, denn Stress schadet der normalen Verdauungsfunktion. Aber wenn man genauer nachfragt, so verstärkt sich das Reizdarmsyndrom zwar oftmals in Stresssituationen, ist aber auch in Ruhephasen vorhanden. Wie kann das sein?

“Stress schadet der normalen Verdauungsfunktion”

Es liegt im Falle des Reizdarmes sehr oft an einer Irritation des Sympathikus-Grenzstranges, der direkt vor der Wirbelsäule verläuft. Dieser vegetative Leistungsnerv kann durch Wirbelblockaden in bestimmten Abschnitten so getriggert werden, dass seine Funktion abnormal gesteigert wird. Und diese Störung läuft nicht über Umwege über das Zentralnervensystem ab, sondern direkt am Grenzstrang selber, durch den Druck einer die Blockierung begleitenden Rippenverschiebung. Dies führt dann zu lokalem Stress durch eine Störung der Reizleitung und damit zu einer gestörten Organfunktion. Und hier sind wir dann beim Bereich der funktionellen Organstörung.

Das Modell der vertebro-vegetativen Kopplung

Dieses Modell einer direkten Bedrängung des Grenzstranges durch Rotationsblockaden mit eben gleichzeitiger Störung durch die begleitende Rippe, entdeckte Dr. Dieter Heesch, Allgemeinarzt und Chiropraktiker in Dassendorf bei Hamburg. Es bietet das realitätstüchtigste und nachvollziehbarste Erklärungsmodell, vor allem durch die Erfolge in der Praxis! Dieses Modell stellt die Grundlage der von ihm entwickelten Sympathikus-Therapie dar, die eben gerade für manuell arbeitende Physiotherapeuten und andere Therapeuten, die Patienten manuell behandeln, interessant ist.

Den Reizdarm als eine „Softwarestörung“ sehen

Jede Zeit versucht sich, ebenso wie die antiken Chinesen, auch unerklärliche Phänomene mit dem Wissen der Zeit dennoch zu deuten. Wir leben im Computerzeitalter. Nehmen wir den Computer als Analogon zum Körper, würden wir diesen aufteilen in Hardware und Software. Alles Fassbare wäre Hardware, das vegetatives Nervensystem – als wenig beeinflussbar- die Software. Oder genauer das Betriebssystem (beispielsweise Windows 10), auf das wir primär keinen Einfluss nehmen können oder besser nicht sollten. Ist das Betriebssystem gestört, funktionieren wesentliche Abläufe des Körpers/Computers nicht.
So auch beim beschriebenen Reizdarmsyndrom. Und wenn wir nachlesen, welche Funktion der Sympathikus bei der Verdauung hat, dann wird es klar, dass das nicht gut gehen kann, wenn dieser in dem Bereich, welcher die Verdauung mit beeinflusst, gegängelt wird und damit auf Hochtouren läuft: Der Sympathikus, als unser Leistungsnerv, verringert nämlich alle die Verdauung fördernden Abläufe von der Sekretion der Verdauungssäfte bis hin zur Darmperistaltik. Und das nicht nur in Stresssituationen, sondern ständig-auch wenn wir essen und verdauen wollen.

“Was bei Reizdarmpatienten erstaunlich oft festzustellen ist, ist dass der 8. Brustwirbel in Linksrotation verdreht ist, also sein Dornfortsatz nach rechts weist”

Schuld an der Fehlfunktion ist der 8. Brustwirbel

Was bei Reizdarmpatienten erstaunlich oft festzustellen ist, ist dass der 8. Brustwirbel in Linksrotation verdreht ist, also sein Dornfortsatz nach rechts weist. Durch diese Rotationsfehlstellung, die oft chronisch besteht, sind auch die Rippen des Wirbels betroffen. Die rechte Rippe wirkt in diesem Falle den Grenzstrang reizend, da sie durch die Wirbelverdrehung mit ihrem Rippenkopf nach ventral geschoben wird und dort direkt auf den Grenzstrang drückt. Dieser in dem Bereich gegängelte Sympathikus beeinflusst das Verdauungsgeschehen wie ein lokaler Stressreiz: Die Verdauung läuft daher schlecht. So wie wir in Stressphasen keinen Hunger spüren oder unter Durchfall leiden, weil uns etwas so aufregt. Genau so, nur eben lokal. Daher besteht der Reizdarm oft unabhängig von äußerlich festzumachenden Faktoren. Eben weil er gar nichts mit der aufgenommenen Nahrung zu tun hat, sondern im Grunde ein Statik-Problem ist!

Der Reizdarm ist ein Problem unserer Wirbelsäulenstatik

Eigentlich denkt jeder Mensch, er sei etwas Besonderes, ja einzigartig. Das stimmt einerseits schon, aber aus medizinischer Sicht haben wir doch oft die gleichen Leiden wie unsere Mitmenschen. So auch beim Reizdarm. Um das zu verstehen möchte ich noch einen findigen Arzt nennen: es ist Dr. Anton Hack aus Gaggenau. Er ist Orthopäde und hat sich die Statik seiner vielen Patienten sehr genau angesehen, ja er hat daraus eine Wissenschaft gemacht. Er hat festgestellt, dass je nach Beckenfehlstellung natürlich auch die Wirbelsäule anders darüber steht. Und bei dieser eigenen Studie von vielen tausend Patienten konnte er sehen, dass die meisten eine Verschiebung des Beckens nach links haben-mit entsprechend gegengerichteter Ausrichtung der Brustwirbelsäule darüber. Es ist nicht ganz klar, warum da alle so ähnlich verschoben sind, aber es ist so. Und jetzt zurück zum Reizdarm: diese besagte Linksverschiebung des Becken ist eben sehr oft auch mit einer Verdrehung des 8. Brustwirbels verbunden. Dieser steht in Flexionshaltung (krummer Körperhaltung im Sitzen) durch die ausgleichende Position der Brustwirbelsäule zur Fehlstellung des Beckens, oft in links Rotation. Durch seine Höhe ist er von der Flexionshaltung in krummer Sitzhaltung besonders betroffen. Daher blockiert er vermutlich auch gerne in dieser Position und dies chronisch. Dies könnte auch die Antwort auf die Häufigkeit des funktionellen Reizdarmsyndrom in der Bevölkerung sein.
Die manualtherapeutische Behandlung desselben ist einfach: den 8. Brustwirbel wieder in die orthogerade Position bringen und die Beckenfehlstellung in Ordnung, dann kann sich auch der Darm erholen. Das geht übrigens sehr schnell, weswegen ich am Anfang meiner Ausführungen meinte, dass man durchaus eine manuelle Therapie machen kann, ohne den Patienten gleich in alle möglichen Untersuchungen zu schicken, denn der Sympathikus reagiert schnell. Man bekommt beim nächsten Termin schon eine Antwort vom Patienten, ob sich etwas gebessert hat. Und das ist erfreulicherweise sehr oft so!

“Es ist anzunehmen, dass das Reizdarmsyndrom durch eine vegetative Dysfunktion hervorgerufen wird, ausgelöst durch die Verdrehung des 8. Brustwirbels in Folge einer Statikverschiebung des Beckens nach links”

Zusammenfassung

Es ist anzunehmen, dass das Reizdarmsyndrom durch eine vegetative Dysfunktion hervorgerufen wird, ausgelöst durch die Verdrehung des 8. Brustwirbels in Folge einer Statikverschiebung des Beckens nach links.

Andrea Oberhofer

Heilpraktikerin und Physiotherapeutin in Erlangen
Geschäftsführerin und Referentin
des Instituts für Sympathikus-Therapie

Weitere Informationen hierzu und zu vielen anderen regionalen chronischen Erkrankungen finden Sie unter: www.sympathikus-therapie.de

Ein Gedanke zu „Die Wirbelsäule als Ursache des Reizdarmsyndroms?

  1. Vielen Dank für diesen ausführlichen und sehr informativen Beitrag. Ich stosse im Internet selten auch einen Physio Blog, der sich so professionell und verständlich mit der täglichen Arbeit der Physiotherapeuten auseinandersetzt. Besonders der Reizdarm und Magen/Darm Beschwerden im Allgemeinen ist ein Thema, das uns im physiotherapeutischen Alltag sehr häufig begegnet. In diesem Beitrag wird das Wichtige auf den Punkt gebracht. Weiter so!




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