McKenzie heute – Mechanische Diagnose und Therapie (MDT)

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Interview mit Reto Genucchi

Kurzinfo Reto Genucchi & Georg Supp

Reto Genucchi arbeitet als Physiotherapeut (PT FH, dip MDT, MME) in Zürich.
Er hat seine McKenzie Ausbildung 1991 in Neuseeland abgeschlossen und ist Senior Instructor des McKenzie Instituts Deutschland/Schweiz/Österreich.
Kontakt: reto@mckenzie.de

Georg Supp image003 ist Physiotherapeut und leitet zusammen mit Wolfgang Schoch das Zentrum PULZ in Freiburg.
Als International Instructor des McKenzie Institute International unterrichtet er MDT-Kurse in verschiedenen Ländern. Aktuell forscht er im Bereich Kommunikation mit Patienten und Return to Activity für Wirbelsäulenpatienten.

Das Interview

PHYSIOtalk: Viele Therapeuten haben bereits eine fundierte Ausbildung in Manueller Therapie und / oder Sportphysiotherapie. Was bringt McKenzie da noch zusätzlich?

Reto Genucchi: Erfahrene Therapeutinnen und Therapeuten wissen, dass anhaltende Therapieerfolge nur durch Eigenverantwortung und Selbstmanagement der Patienten zu erreichen sind. MDT betont die Eigenaktivität der Patienten. Das Einbeziehen der Patienten bereits in den Untersuchungsprozess zeichnet die Methode aus. Georg hat dies in seinem Forschungsprojekt untersucht.

Georg Supp: Ja, unsere Studie „Hören Patienten, was Therapeuten sagen?“ hat gezeigt, dass Patienten es sehr schätzen, wenn ihnen nicht einfach eine Diagnose präsentiert wird, sondern sie durch die gemeinsame Anamnese und vor allem die aktive klinische Untersuchung zusammen mit dem Therapeuten herausfinden, was wohl die richtige Therapie ist und von welchen Übungen sie gezielt profitieren können (Supp 2016).

PHYSIOtalk: Ist McKenzie ein in die Jahre gekommenes Konzept? Ist das noch zeitgemäß?

Reto Genucchi: In den letzten 20 Jahren wurden die Zweifel an anatomischer Strukturdiagnose immer stärker. Mittlerweile haben wir ja im Bereich von chronischen Rückenschmerzen eine nahezu völlige Abkehr von bildgebender Diagnostik und patho-anatomischen Klassifizierungen. McKenzie hat diese Abkehr schon vor vielen Jahren vollzogen. Damals wurde er dafür angefeindet. Mit seiner Kritik an Überdiagnostik und Übertherapie durch Manipulationen, passive Maßnahmen und Operationen war er seiner Zeit weit voraus.

Georg Supp: Letztes Jahr hatte Gwendolyn Jull in einem Editorial von Manual Therapy die Frage gestellt „Warum behandeln wir Wirbelsäulen- und Extremitätenprobleme unterschiedlich?“ (Jull 2016).
Eine berechtigte Frage, die Anerkennung fand.
Robin McKenzie hatte bereits in seinem ersten Textbuch geschrieben: „Diese Methode findet ihre Anwendung sowohl an der Wirbelsäule als auch an den Extremitätengelenken“ (McKenzie 1981). Es gelten dieselben Untersuchungsstrategien, dieselben Beurteilungskriterien und dieselben Behandlungsprinzipien. Damals erntete er dafür ungläubiges Kopfschütteln. Seit 2000 finden weltweit McKenzie Extremitätenkurse statt und die entsprechende Forschung bestätigt McKenzie’s Voraussicht.

PHYSIOtalk: „MDT = Mechanische Diagnose und Therapie“ klingt nach rein mechanischem Ansatz.
Wo bleiben denn da psychosoziale Faktoren?

Georg Supp: „Mechanisch“ steht dafür, dass wir bei MDT eine standardisierte Untersuchung mit repetierten Bewegungen und gehaltenen Positionen nutzen, um ein klares klinisches Bild des Patienten zu erhalten. Symptomatische und funktionelle Antworten auf bestimmte Belastungen haben sich viel verlässlicher erwiesen als bloßes passives Testen oder Palpieren. Ausgebildete McKenzie-Therapeuten beachten Leitlinien stärker und orientieren sich deutlicher an biopsychosozialen Faktoren als Therapeuten ohne MDT-Ausbildung (Takasaki 2014).
Aktuell erstellen Kollegen vom McKenzie Institut aus Kanada einen systematischen Review zum Thema „MDT und das biopsychosoziale Modell“.

PHYSIOtalk: Es ist bekannt, dass McKenzie vor allem für Bandscheibenprobleme sehr gut wirkt.
Was hat das Konzept für andere Probleme zu bieten?

Reto Genucchi: MDT arbeitet nicht struktur-spezifisch. Vielmehr geht es um klinische Subgruppen und darum, was Patienten selbst tun können und wo sie Unterstützung durch Therapeuten brauchen.
Therapeuten empfinden es als sehr entlastend, dass sie durch die MDT-Untersuchung Patienten pragmatisch klassifizieren können und auch die Patienten identifizieren, denen sie nicht weiter helfen können (Chaniotis 2012). Moderne Forschung (Maher 2016) fordern denn auch zunehmend eine Orientierung an klinischen Subgruppen und nicht eine Verfeinerung der Strukturdiagnostik.

PHYSIOtalk: Woran arbeiten internationale Experten des McKenzie Instituts aktuell?

Georg Supp: Sehr spannend ist die EXPOSS-Studie – Extremity Pain of Spinal Source.
Ein Autorenteam aus Canada, USA, Neuseeland und Deutschland untersucht derzeit, bei wieviel Prozent aller Patienten, welche ihre Beschwerden primär im Extremitätenbereich angeben tatsächlich ein Wirbelsäulenproblem vorliegt und wie deren Outcomes aussehen. Daten von mehr als 300 Patienten werden momentan auswertet.
Die Vermeidung von Rezidiven von Kreuzschmerzen ist ein wichtiges Behandlungsziel und hilft Kosten zu senken. Es gibt kaum Evidenz zu effektiver Rezidivprophylaxe. Mark Hancock aus Australien untersucht gerade bei 400 ehemaligen Rücken-Patienten, ob die MDT-Selbstbehandlungsstrategien Rezidive vermeiden können.

PHYSIOtalk: Wie ist die Ausbildung aufgebaut?

Reto Genucchi: Die Grundausbildung besteht aus den Kursen A – D.
Diese dauern jeweils vier Tage und sind thematisch aufgebaut.

  • A – LWS
  • B – HWS / BWS
  • 
C – LWS 2 / Untere Extremität
  • D – HWS 2 / Obere Extremität

Außerdem gibt es einen zweitägigen Kurs „Focus Extremitäten“ und halbtägige Workshops wie „MDT und Knie“. Ab 2018 wird es auch einen Kurs „MDT und Radikulopathie“ geben.
Nach den Kursen A – D können Interessierte das Credentialling Examen absolvieren. Mit bestandenem Examen kommen die Therapeutinnen und Therapeuten auf eine Liste im Internet.

PHYSIOtalk: Auf was können sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei den McKenzie-Kursen freuen?

Reto Genucchi: Ausschließich international zertifizierte Instruktoren, die aus der Praxis kommen, leiten die Kurse.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer können das Erlernte direkt nach dem Kurs im therapeutischen Alltag einsetzen. Die Behandlungstechniken sind einfach und praktikabel.
Bei den Kursen sind Selbstbehandlungsbücher für Patienten und eine Lendenrolle inklusive.
Außerdem gibt es Videos zu allen Behandlungsverfahren.
Highlights sind sicherlich die Live-Demos mit Patienten. Untersuchungen echter Patienten, bei denen die Dozenten die Möglichkeiten und Grenzen einer Methode aufzeigen, sind meines Erachtens unerlässlich.

PHYSIOtalk: Wo gibt es weiterführende Informationen zum McKenzie-Konzept?
www.mckenzie.de

Literatur
Chaniotis, Spyridon A. (2012): Clinical reasoning for a patient with neck and upper extremity symptoms: a case requiring referral. In: Journal of bodywork and movement therapies 16 (3), S. 359–363. DOI: 10.1016/j.jbmt.2011.12.004.
Jull, Gwendolen (2016): Discord Between Approaches to Spinal and Extremity Disorders: Is It Logical? In: The Journal of orthopaedic and sports physical therapy 46 (11), S. 938–941. DOI: 10.2519/jospt.2016.0610.
Maher C, Underwood M, Buchbinder R, (2016), Unspecific Low Back Pain,
The Lancet, Published online Oct, 2016, DOI: http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(16)30970-9
McKenzie, R. A. (1981): The lumbar spine: mechanical diagnosis and therapy. Waikanae: Spinal Publications.
Supp, Georg; Schoch, Wolfgang (2016): Do patients hear what therapists say? A qualitative / quantitative study. McKenzie Conference of the Americas. McKenzie Institute USA. Miami, 05.08.2016.
Takasaki, Hiroshi; Saiki, Takeshi; Iwasada, Yoshihiro (2014): McKenzie Therapists Adhere More to Evidence-Based Guidelines and Have a More Biopsychosocial Perspective on the Management of Patients with Low Back Pain than General Physical Therapists in Japan. In: OJTR 02 (04), S. 173–181. DOI: 10.4236/ojtr.2014.24023.

Copyright Fotos (© McKenzie Institut Deutschland )




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