Systemische Therapie in der Physiotherapie

copyright Sonja Brüggemann

Fachbeitrag von Bernhard Voss

Kurzinfo Bernhard Voss

Bernhard Voss ist Physiotherapeut, Heilpraktiker und Gestaltpsychotherapeut. Er ist der Geschäftsführer und Gründer des Voss-Institut.

Der Fachbeitrag

Die Familiengeschichte eines Symptoms.
Jahresausbildung für System-,  Familien- und Organisationsaufstellungen

Eine ganz einfache Schulter…
Der Fall schien einfach zu sein. Mein Patient, männlich, Mitte vierzig, sportlich ohne erwähnenswerte Vorerkrankungen, klagte seit etwa drei Monaten über zunehmende diffuse Schulterschmerzen rechts. Spritzen beim Arzt hatten bisher keinen Effekt, genauso wenig die physiotherapeutische Behandlung in einer anderen Praxis. Eine Kollegin hatte ihn schließlich zu mir weiterempfohlen, um einmal „osteopathisch draufzuschauen”.

In der Anamnese ergab sich, dass der Patient früher sehr, sagen wir mal, „feierfreudig“ gewesen war, sprich bewusstseinserweiternden Getränken und anderen Stoffen zugeneigt war und diese einige Jahre freudig konsumiert hatte.

Hinzu kam eine hartnäckige Bronchitis die ihn seit etwa einem halben Jahr nicht losließ und ein leichter Sturz von der Leiter vor etwa vier Monaten, bei dem er sich „ordentlich die Birne” gestossen hatte.

Die osteopathische Untersuchung ergab dann tatsächlich eine nach cranial unter dem Diaphragma fixierte Leber (feierfreudige Vergangenheit), ein hypomobiler CTÜ (Sturz von der Leiter plus eine durch die Bronchitis fixierte Pleurakuppel). Der Fall schien also tatsächlich einfach und klar zu sein.

Eine osteopathische Schulter!?

Zu diesem Zeitpunkt lautetet meine Hypothese ungefähr wie folgt: Die wahrscheinlich seit Jahren fixierte Leber hatte sein rechtes Zwerchfell unter Zugspannung gesetzt. Die Spannung hatte sich via Pleura auf seinen Plexus brachialis übertragen und diesen via 25.000 Atembewegen pro Tag irritiert. Hinzu kam der Hypertonus des rechten M. sublavius mit subclaviculärem Druck auf den Plexus brachialis via Irritation des N. subclavius, der cervical eine Anastomose mit dem N. phrenicus (Zwerchfell und Leberkapselinnervation) bildet. Anders formuliert: Die erhöhte Leberspannung war die Ursache, die Bronchitis die Verstärkung und der Sturz der Auslöser für den diffusen Schulterschmerz. Dachte ich. Einfache osteopathische Ketten funktionieren fast immer… murmelte ich wissend vor mich hin und legte los mit der Behandlung. Nach der Mobilisation von Zwerchfell, Leber und Gallenblase, der rechten Lunge und Pleurakuppel, von ACG und SCG samt Bändern, gewürzt mit einer eleganten Manipulation von C6-C7 entließ ich den Patienten mit der selbstbewussten Bemerkung, dass sich sein Symptom in n den nächsten Tagen sicher
auflösen würde. Wenn nur alle Fälle so einfach wären.

Doch keine einfache Schulter…
Einen Monat später kam der Patient zur Kontrollbehandlung und es hatte sich buchstäblich nichts, aber auch gar nichts an seinem Symptom geändert. Das war, gesteh ich’s nur, eine narzisstische Kränkung für mich. Wo kommen wir auch hin, wenn Patienten sich weigern, anhand von erprobten Hypothesen zu heilen!? Übrigens: Ein Widerstand in der psychoanalytischen Therapie besteht darin, dass der Patient manchmal deswegen nicht gesund wird, nur weil er oder sie dem Therapeuten die Befriedigung nicht gönnt, es besser gewusst zu haben. So etwas hatte ich im Hinterkopf, als ich mir dann in der zweiten Behandlung besonders viel Mühe gab. Den Misserfolg wollte ich nicht auf mir sitzen lassen und ganz nebenbei verhunzte mir („Es ist genauso wie vor einem Monat, vielleicht ein bisschen schlimmer“) die ausstehende Besserung die Laune und Statistik gleichermaßen. Eine intensive körperliche Untersuchung mit intensiver osteopathischen Behandlung folgte. Wieder verging ein Monat. Der Patient kam ein drittes Mal und wieder war NICHTS! passiert.
Peng.

Eine Kriegsschulter…
Eine Regel von Carl Rogers, dem Vater der klientzentrierten Therapie, landläufig besser bekannt als „Gesprächstherapie” lautete: Wenn alles nicht hilft geh zum Äußersten: Wende
dich dem Klienten zu. Ich ging also, einigermaßen beschämt durch zwei vollkommen effektlose Behandlungen, zurück zur Anamnese. Der Patient war selbständig, Gärtner, und betreute im Wesentlichen Friedhöfe. Zu seinen Tätigkeiten gehörte neben der Pflege der Wege und Grünflächen, hauptsächlich Gräber auszuheben und diese auch, wenn von seinen Kunden gewünscht, zu pflegen. Sein Vater, ebenfalls Friedhofsgärtner, war bei ihm angestellt, desgleichen sein Großvater, der ehemals die Gärtnerei gegründet hatte und diese nun an seinen Enkel, meinen Patienten, weitergegeben hatte. Es stellte sich heraus, dass der Großvater die Firma direkt nach seiner Rückkehr aus dem zweiten Weltkrieg eröffnet hatte. Zeit seines Lebens war er wortkarg geblieben, und arbeitet seit Jahr und Tag von früh bis spät, auch heute noch, mit über achtzig Jahren auf Friedhöfen. Sein Sohn, der Vater meines Patienten, wollte die Firma nicht von seinem Vater übernehmen und hatte die Leitung gleich an seinen Sohn abgetreten. Auch er arbeitet wortkarg in dem Familienbetrieb, von frühmorgens bis spät abends, desgleichen mein Patient. Als er die Geschichte seines Großvaters erzählte, wie dieser von der Ostfront heimkam und gleich danach den Rest seines Lebens beinahe stumm mit dem Ausheben von Gräbern zubrachte, lief uns beiden ein Schauer über den Rücken. Also empfahl ich meinem Patienten nach der dritten Behandlung, doch bitte seinen Großvater nach seinen Kriegserlebnissen zu fragen.
Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Mein Patient traute sich, seinen Opa, den alten, wortkargen Familienpatriarchen, nach „seinem” Krieg zu fragen. Ich bin noch heute gerührt, wenn ich an die erste Antwort des Großvaters denke, nachdem mein Patient ihn auf den Krieg angesprochen hatte. Sie lauteten: „Endlich fragt mich mal jemand”.

Danach erzählte er seinem Enkel von den zahllosen „Feinden“, an deren Tötung er aktiv beteiligt gewesen war. Er erzählte von dem Grauen und der Schuld, die er als junger Mann erlebte und über seine Unfähigkeit, darüber zu reden.

Es wurde plötzlich klar, warum er nach Beendigung des Krieges kaum noch gesprochen hatte und stattdessen damit begonnen hatte, Gräber auszuheben und zu pflegen.

Die rechte Schulter meines Patienten war einen Tag nach dem Gespräch mit seinem Großvater wie durch ein Wunder schmerzfrei. Der Großvater ist wenige Monate nach dem Gespräch friedlich gestorben. Ohne systemische Theorie erscheint die Spontanheilung der Schulter wie ein Wunder, mit systemischem Background erscheint sie im Nachhinein mehr als nachvollziehbar.

Eine systemische Schulter…
In der Körperpsychotherapie (s. VOSS-INSTITUT (VI) Seminarreihe Körperspuren – KSP 1 Körpersprache) wird die rechte Schulter dem männlichen, dem Yang und dementsprechend auch dem Väterlichen zugeordnet. Probleme der rechten Schulter deuten also auf eine Überlastung oder Unterforderung des männlichen Prinzips hin. In der systemischen Therapie gilt das Prinzip, dass erlebte Schuld meist eine Generation überspringt. Anders formuliert versuchen Enkel häufig, die „Schuld” der Großeltern auszugleichen. Weiter gilt das Prinzip, das wir nicht nur durch unsere Eltern und deren Sichtweisen geprägt werden (s. Körperspuren – KSP 2 Charaktere und Persönlichkeiten), sondern dass auch deren elterliches/großfamiliäres Umfeld unser Leben nicht unerheblich beeinflusst. Natürlich ist es ein Unterschied, ob jemand in einem Haushalt geprägt von preußischer Tradition aufwächst und jemand anderes in einem altachtundsechsiger Haushalt groß wird. Systemische Therapie geht also davon aus, dass unsere Familiengeschichte genauso zu Symptomen jeglicher Couleur führen kann, wie der mit krummen Rücken gehobene Wasserflaschenkasten.

Bei meinem Patienten lautete die nachträgliche (systemische) Hypothese also wie folgt: Die „Schuld” des Großvaters äußerte sich zum einen in seiner lebenslangen Grabpflege als versuchte Wiedergutmachung, wurde vom Vater meines Patienten abgelehnt, indem dieser sich weigerte, den väterlichen Betrieb zu übernehmen und symptomatisierte schließlich in der rechten S”hulter meines Patienten (männlich-väterliches Prinzip) als hilfloser Versuch, den „Toten” gerecht zu werden. Alle drei Männer der Kette versuchten, die „verschwiegene Schuld” in Form einer Selbstbestrafung (kein Urlaub, von früh bis spät abends in der Firma) abzuarbeiten. Durch das Öffentlich machen der „Schuld“ konnte diese dem Großvater zugehörig erkannt werden und der Patient konnte seine Spannung (Festhalten der Schuld) der rechten Schulter aufgeben. „Therapy ist to make it public” ist nicht umsonst einer der Grundsätze der Gestalttherapie (s. VI IMpuls®-Körper-Psychotherapie).

Anders: Die Schulter ist nicht wegen meiner, sondern trotz meiner osteopathischer Behandlung gesundet.

Ausbildung in VI-Systemischer Prozessbegleitung, Leitung Bernhard Voss

Systemische Ausbildung, Bernhard Voss

Ausbildung in VI-Systemischer Prozessbegleitung, Leitung Bernhard Voss

Systemische Therapie in der Physiotherapie
Zugegeben: Nicht immer ist systemische Therapie so dramatisch. Fast immer aber ist sie überraschend, wirkungsvoll und effektiv. Die sogenannten „3 systemischen Gesetze” wirken im Unbewussten, ob man daran glaubt oder nicht. So hängt an jedem Gelenk ein Mensch, nicht nur mit seiner individuellen Geschichte, sondern manchmal hängt an einem nicht heil werden wollenden Knie eine ganze Großfamilie. Wenn’s also trotz bester manueller/osteopathischer Behandlung nicht weitergeht, öffnen systemische Fragen und Aufstellungen häufig den Weg zur Heilung.

Wozu also systemische Aufstellungsarbeit?
Bei der Aufstellungsarbeit handelt es sich um ein Verfahren, bei dem Klienten/Patienten über die Aufstellung eines systemischen Hintergrundes Antworten auf Fragen suchen, die sie existenziell bewegen. Im Verlaufe eines manchmal spektakulär verlaufenden Prozesses werden durch den Ratsuchenden mit Hilfe von Stellvertretern (Teilnehmer, die als Rollenspieler fungieren) bedeutsame Szenarien u.a. aus der Familiengeschichte aufgebaut und daraus Rückschlüsse über die Position des Ratsuchenden gezogen.

Den systemischen Hintergrund bilden hierbei die Beziehungsgeflechte in Familie und Beruf und nicht zuletzt des Körpers. Sie bestehen aus einzelnen Elementen, die sich in einem ununterbrochenen Prozess wechselseitig beeinflussen. Jede Aktion oder Veränderung eines Elements löst unmittelbare Reaktionen in allen übrigen Elementen aus.

Die bekannteste Aufstellungstechnik betrifft die Herkunftsfamilie, welche jeder Mensch als Repräsentanz (Imago) in seinem Inneren trägt. Die unbewussten Anteile dieses inneren Bildes prägen das eigene Lebensgefühl (z.B. depressive Verstimmungen, Sehnsüchte, Erkrankungen, etc.) und binden uns an alte Verhaltens- und Beziehungsmuster.

Red scales and heavy golden cube

Die SYSTEMISCHE AUSBILDUNG im VOSS-INSTITUT (VI) im Besonderen
Die innovativste Methode der systemischen Aufstellungsarbeit im VI kombiniert die Essenz aus klassisch systemischer Therapie mit dem Herz der Gestalttherapie. Ausgehend von der Hier- und Jetzt-Situation gestaltet sich der systemische Prozess dialogisch statt diktatorisch. Resonanz, die Fähigkeit „zurück zu klingen”, bleibt das zentrale therapeutische Element. Auftauchende Widerstände führen also nicht zum Abbruch der Aufstellung, sondern werden im Rahmen der Arbeit mit gestalttherapeutischen Interventionen gelöst. Gerade die Unterbrechungen warden, im Gegensatz zu herkömmlichen Verfahren, als noch im Geheimen lauernde Lösungen betrachtet und integriert.

Ein Schwerpunkt ist der Körper
Der Körper ist genauso Ausdruck des Bewusstseins wie Gedanken, Überzeugungen oder Charakterstrukturen. In den VI-Aufstellungen kommt dem Körper und seiner Fähigkeit zur nonverbalen Kommunikation eine essentielle Bedeutung zu. Körpersprachen, Gestik, Erkrankungen und deren Symptome werden, falls vorhanden, als unbewusst-absichtsvolle Lösungsversuche in das System des Aufstellenden eingefügt.
Nicht zuletzt runden eine buddhistisch geprägte Grundhaltung sowie Humor und die Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können, die Ausbildung ab.

Was kann aufgestellt werden?
Der ganzheitliche orientierte VI-Ansatz lässt nahezu jede Form von Aufstellungsmöglichkeiten zu. Aufgestellt werden im Rahmen der Ausbildung unter anderem:

  • Partnerschaftskonstellationen (familiar sowie beruflich)
  • Erkrankungen und deren Symptome
  • Ursprungsfamilien
  • Organe, Gelenke, Schmerzsymptomatiken
  • Berufliche Konflikte und Firmen/Praxen mit allen Mitarbeitern
  • Männer- und Frauenlinien
  • Tod- und Abschiedssituationen uvm.

Die Physiotherapie der Zukunft
Wer wollte bestreiten, dass der Körper mehr ist, als ein Sack Zellen, den „das Wasser erfunden hat, um an Land spazieren gehen zu können.” Moderne Physiotherapie wendet sich immer der persönlichen Geschichte des Patienten zu und betrachtet Symptome auch in einem psychodynamischen Kontext. Neben den klassischen Psychodynamiken beziehen mutige Physiotherapeuten von heute auch systemische Zusammenhänge in ihre Hypothesenbildung mit ein und sind in der Lage, unkonventionelle Wege zum besten ihrer Patienten zu wählen.

Zugegeben, das erfordert ein bisschen Mut.
Be brave.
Vertrauen Sie. Die Systemische Therapie hilft dabei.

Termine – Preise Jahresausbildung Bad Neuenahr
09.03.-11.03.2018 1. Ausbildungsblock (als “Schnuppermodul BNA” buchbar)
01.06.-03.06.2018 2. Ausbildungsblock
31.08.-02.09.2018 3. Ausbildungsblock
26.10.-28.10.2018 4. Ausbildungsblock
Ort: 53474 Bad Neuenahr
Veranstalter: FIHH
Investition: 1.750 € inklusive Skript für die Jahresausbildung
587 € für Modul 1 als “Schnuppermodul BNA”
Es besteht in BNA die Möglichkeit, das Modul 1 als Schnuppermodul zu belegen. Sollte danach eine Verlängerung auf die gesamte Jahresausbildung 2018 in BNA erfolgen, wird die
Kursgebühr voll angerechnet.

 

copyright des Beitragsbildes Sonja Brüggemann




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