Die offenen Geheimnisse der Kindesentwicklung

Die Geheimnisse der Kindesentwicklung

Interview mit Valbona Ava Levin

Kurzinfo Valbona Ava Levin

Valbona Ava Levin ist Autorin des Buches und der Audio-CD: Die Geheimnisse der Kindesentwicklung. Sie praktiziert in einer Privatpraxis für Kindesentwicklung und Logopädie in Hamburg.

Valbona Ava Levin

Valbona Ava Levin

Das Interview

PHYSIOtalk: Liebe Frau Levin, erstmal herzlichen Glückwunsch zur Veröffentlichung der Audio CD ihres Buches. Ihr Ratgeber erschien ja schon im November. Was hat sie nun veranlasst diesen auch als Hörbuch zu veröffentlichen?

Valbona Ava Levin: Vielen Dank. Das Buch ist ein Ratgeber für jene, die mit kleinen Kindern zu tun haben oder haben werden, also Schwangere, Eltern, Großeltern, Früherzieher und Kindertherapeuten. Viele davon haben keine Zeit zu lesen oder schlafen beim Lesen ein, weil sie zu müde sind. Eigentlich war mein Ziel von Anfang an eine Hör-CD zu produzieren. Jetzt gibt es beides und ich bin froh darum. Für die Audio Version habe ich mit einem Hamburger Tonstudio und einer Hamburger Schauspielerin als Sprecherin zusammen gearbeitet. Ich empfand ihre Stimme vom ersten Moment an als passend: weich, klar, einfühlsam und bestimmt.

PHYSIOtalk: Wenn ich Sie recht verstanden habe, dann geht es Ihnen darum, die Geheimnisse der Kindesentwicklung zu lüften. Im Text verweisen Sie immer wieder auf unser Wissen über die sensomotorische Entwicklung. Ist dieses Wissen denn wirklich so geheimnisvoll oder nur in Vergessenheit geraten?

Valbona Ava Levin: Natürlich haben Sie recht. Dieses Wissen ist weder geheimnisvoll, noch besonders schwierig zu verstehen. Es ist in den Fachkreisen auch nicht ganz vergessen, aber in der allgemeinen Kultur spielt es im Moment eine geringe Rolle. Vieles ist aber in der Intuition und dem tradierten Wissen der Mütter bewahrt worden. Nur leben wir in einer Zeit, in der die Mütter innerlich verunsichert sind und von außen massiv bombardiert werden, meist mit höchst fragwürdigen Angeboten und Ratschlägen. All das wirkt sich destabilisierend auf die Kinder und Familien aus.
Dann erscheint das solide Wissen über die sensomotorische Entwicklung plötzlich geheimnisvoll. Ich spiele natürlich mit der Bedeutung des Wortes Geheimnis. Geheimnisse sind ja auch dazu da, dass sie geteilt werden. Zugleich sind sie aufregend, weil nicht alle diese kennen. Letzteres hat aber mit meiner Geschichte der Beschäftigung mit der sensomotorischen Entwicklung zu tun. Ich bin ja über eine Reihe von glücklichen Zufällen von der Pädagogik über die Logopädie in die Kindesentwicklung hinein gestolpert. Schon seit ich zwölf war, habe ich mit kleinen Kindern gearbeitet; später habe ich Lehramt studiert und bin gerade rechtzeitig genug in die Logopädie, also die Therapie, abgebogen. Mir wurde das Talent nachgesagt, mit Kindern gut arbeiten zu können. Und ich war überheblich genug zu glauben, ich hätte etwas von Kindesentwicklung verstanden.
Was ich dann aber in den Kursen von Wiebke Bein-Wierzbinski lernen durfte, hat meinen Horizont nochmals vielfach erweitert. Ich begann, die frühe Entwicklung und insbesondere die Sensomotorik neu zu studieren und zu verstehen.

PHYSIOtalk: Wie kamen Sie dann darauf, einen Ratgeber zu schreiben?

Valbona Ava Levin: Ich wollte mir nicht länger den Mund fusselig reden. Es gibt keinen knappen Eltern Ratgeber zur Sensomotorik. Da das Wissen um die langfristigen Auswirkungen der sensomotorischen Entwicklung im Zirkel der Fachleute fest steckt, musste ich bei jeder Behandlung immer wieder die gleichen Zusammenhänge erklären und die gleichen Ratschläge geben. Das ist nicht nur langweilig, sondern auch unpassend. In der Behandlung geht es mir ja um das Kind und immer, wenn ich den Eltern die Grundlagen der Behandlung erklären soll, stört das die Behandlung. Zugleich verstehe ich das Bedürfnis der Eltern, denn was ich in der Behandlung mache ist – wenn auch sehr erfolgreich – geheimnisvoll, wenn die Zusammenhänge nicht verstanden werden. Warum hat die Bauchlage etwas mit der Nackenstabilität zu tun und warum hilft die Stabilität des Nackens die Schreckreaktion abzubauen? Warum haben die Rotationsfähigkeit und das Krabbeln mit der Augenmotorik und späteren Lesefähigkeit zu tun? Und warum ist denn das heiß geliebte Trampolin für Kinder mit instabilem Nacken nicht ratsam? Manche Einsichten der Sensomotorik widersprechen dem, was Eltern sonst hören und was allgemeine Praxis in den Kindergärten ist – das ist irritierend. Ich verstehe das, mir ging es ja selbst so. Zugleich bin ich Therapeutin und will meine Arbeit nicht ständig erklären. Eine Chirurgin verbringt auch nicht allzu viel Zeit, die Geschichte ihres Faches, ihre Instrumente und die größeren Zusammenhänge der Medizin den Patienten zu erklären. Sie erklärt, was sie macht, was die Operation bringen soll und was die Patienten erwarten dürfen. So will auch ich als Therapeutin arbeiten können. Daher brauche ich eine verstehbare Erklärung der Zusammenhänge und die wichtigsten Verhaltenstipps als Basis, auf die ich verweisen kann. Lange habe ich gewartet, dass dieser Eltern- und Erzieher-gerechte Ratgeber von anderen, möglicherweise kompetenteren Kolleginnen – aus dem Bereich der Sensomotorik geschrieben wird. Nach zehn Jahren hatte ich genug und mich selber daran gesetzt.

PHYSIOtalk: Wie waren bisher die Reaktionen auf Ihr Buch?

Valbona Ava Levin: Bisher gab es viel Zustimmung von den Eltern. Das ist mir das Wichtigste. Es gibt jetzt schon einige Kinder, die durch mein kleines Büchlein weniger unnötige, weil vermeidbare Probleme haben werden. Diese Kinder haben die Chance, mit stabilen Füßen und einer stabilen Wirbelsäule, mit einer gut ausgebildeten Augenmotorik und einem normalen Mundtonus (geschlossener Mund), mit gut entwickelter Feinmotorik der Hände und in der Leichtigkeit der Aufrichtung sich den aufregenden Aspekten ihres Lebens zu widmen. All das ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr. Die heutigen Kinder haben so viele Probleme, dass wir gar nicht anders können, als diese herunterzuspielen. Für jene, die Probleme herunter spielen wollen, zum Beispiel durch die oft nicht zutreffende Behauptung, dass sich ein Problem verwächst, ist das Buch natürlich eine Herausforderung. Gewiss ist die Sensomotorik nicht das einzige Feld, auf dem Probleme entstehen können; aber es ist ein relativ überschaubares Feld mit klaren biologischen Gesetzmäßigkeiten. Wer diese ignoriert, bekommt die Rechnung.
So bekommt mein Buch viel Zuspruch von jenen, die präventiv handeln wollen und verstehen, dass Investitionen in das erste Lebensjahr sich ein Leben lang rechnen. Und es gibt jene, die durch meine klare und kritische Auseinandersetzung mit der überzogenen Trage-Kultur endlich auf atmen können. Hier wird viel unnötiger Druck auf die Mütter ausgeübt und zu dem nicht über die langfristigen Folgen nachgedacht. Das hat schon dazu geführt, dass manche denken, sie wären keine gute Mutter, nur weil sie nicht exzessiv ihr Kind tragen. Ich weiß nicht, ob sie schon von dem Slogan gehört haben: „Wer sein Kind nicht liebt, der schiebt“.
Hier sage ich den Eltern ganz deutlich: Das ist erstens falsch und zweitens gemein. Der flache Kinderwagen ist eines der besten Transportmittel bis zum neunten Monat, also bis die Kinder von selbst sitzen können. Vorher sind alle Trage- und Sitzhilfen für das Kind langfristig eher schädlich. Wenn ich so etwas schreibe, ruft das natürlich die Verfechter der Tragetücher auf den Plan. Die fühlen sich von meinem Buch gestört und unterstellen fälschlicherweise, dass ich die Vorzüge des Tragens für die Beziehung zwischen Kind und Mutter nicht kenne. Ich verweise aber lediglich darauf, dass die Beziehungsfähigkeit nicht nur am Tragen liegt und dass das Tragen die Entwicklung der Kinder stören kann. Irritierte Kinder sind auch irritiert in ihrer Beziehungsfähigkeit und emotionalen Modulation.
Ich bin in einer Kultur großgeworden, in der es nichts wertvolleres gibt als Kinder und in dieser Kultur werden die Kinder in Liebe gebettet, umsorgt und von vielen Händen und Herzen getragen. Ich gehe mit einer großen Selbstverständlichkeit davon aus, dass ein Kind in eine liebevolle Umgebung geboren wird. Ich sehe natürlich auch, dass viele Mütter heute unsicher sind, was ihre Kinder brauchen und was ihre eigene Rolle als Mutter in der Gesellschaft ist. Bei aller Empathie darf ich mich als Therapeutin aber ganz deutlich auf die Seite meiner Patienten-Kinder stellen und formulieren, was für deren Entwicklung wichtig wäre. Glauben wir wirklich, dass wir über ein schon im Krankenhaus beginnendes Bindungs-Regiment eine gute Beziehung zwischen Eltern und Kindern erzwingen können? Und wenn wir sie nicht erzwingen können, müssen wir sie dann tragen, was das Zeug hält?

PHYSIOtalk: Glauben Sie denn, dass es einen Widerspruch zwischen sensomotorischer und emotionaler Entwicklung gibt? Oder geht es um einen Interessenskonflikt zwischen Eltern und Kindern?

Valbona Ava Levin: Interessenskonflikte ja, Widersprüche zwischen den verschiedenen Aspekten der Entwicklung ganz gewiss nicht. Ein in der sensomotorischen Entwicklung gestörtes Kind ist sowohl im Aufbau der Wahrnehmungs- als auch der Handlungskompetenzen irritiert. Es hat sowohl ein Problem der inneren emotionalen Stabilität als auch der Orientierung im Raum. Es gibt nur die eine Entwicklung und nur das gesamte Kind in seinen Beziehungsgeflechten. Das größere Bild ist verloren gegangen. Es geht doch darum, dass wir die Kinder gut betten, dass sie in Liebe und von Fürsorge getragen werden. Ich finde, dass die heutige Diskussion manche Erkenntnisse der Bindungstheorie auf den Kopf stellt. In den Untersuchungen der Pionierin der Bindungstheory (attachment theory), Mary Ainsworth, kommt deutlich zum Ausdruck, was wirklich wichtig im ersten halben Jahr ist: die Fähigkeit der Mutter, sensibel auf die Äußerungen und Bedürfnisse des Kindes einzugehen. Und in den von ihren Schülerinnen entwickelten Eltern-Interviews kommt nochmal das offensichtliche zum Ausdruck: die Beziehung und Beziehungsfähigkeit der Eltern bestimmt die Beziehungsfähigkeit des Kindes. Im Buch mache ich daher eine simple Unterscheidung, jene zwischen Beziehung und Bindung. Ich erlaube mir, das zu betonen, worin sich fast alle Schulen der Kindesentwicklung einig sind: Das Ziel der Entwicklung ist Beziehungsfähigkeit! Es geht also darum, dass die Kinder beziehungsfähig werden und wir wissen, dass sie dies am besten in einer guten Beziehung mit den Eltern oder anderen fürsorglichen Personen, die sie lieben, erlernen können.
Und dann wird sofort offensichtlich, wie komisch es ist, dass wir gleich nach der Ent-Bindung wieder von Bindung sprechen. Es geht um einen guten Kontakt zwischen Eltern und Kindern. Oft erlebe ich, dass Eltern, die in gutem Kontakt mit ihrem Kind sind, durch die Unterstellung eines Bindungsproblems verunsichert werden. Das ist so, als würden wir alle Kinder breit wickeln, nur weil 5-10 % eine Hüftdysplasie haben. Oder als würden wir jedes auch noch so glückliche Paar in eine Paartherapie schicken. Hier werden Probleme provoziert, wo keine sind. Das scheint mir nicht fair. Insbesondere ist es nicht fair, wenn dann das angeratene Bindungs-Regiment einige Aspekte enthält, die höchst fragwürdige Folgen für das Kind haben. Aus der Sensomotorik und der Therapie wissen wir, dass Kinder durch das viele tragen und zu frühe aufrechte sitzen in den Tragehilfen in ihrer Entwicklung stark irritiert werden. Das zeigt sich dann aber erst in einer Zeit in der weder Trageberater noch Hebammen die Kinder begleiten. Ich schlage keineswegs vor, der Trageideologie eine Ideologie des Nichttragens entgegen zu setzen; ich schlage dagegen vor, sich immer zu fragen: Geht es um das Bedürfnis der Kinder oder das der Eltern? Was sind die langfristigen Konsequenzen? Diese beiden Fragen sollten wir zum Wohle der Kinder stellen und einigermaßen beantworten können.
Dann können wir ehrlich über die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse in einer Familie reden. Denken sie an einen typischen Interessenskonflikt:
Die Eltern wollen meist trotz Säugling mobil bleiben. Ihre Kinder müssen aber im ersten Jahr Stabilität entwickeln, um dann mobil werden zu können. Diese Stabilität ist sowohl körperlich als auch seelisch wichtig für das weitere Leben der Kinder. Das Mobilitätsbedürfnis der Eltern steht im Widerspruch zum Stabilitäts-Entwicklungsprogramm der Kinder. Das beste Beispiel: Aktive Eltern nehmen ihre Kinder gerne und früh mit aufs Fahrrad. Wenn sie das von außen betrachten, sehen sie schnell, dass die Kinder in den Fahrradsitzen hin und her geschaukelt werden wie auf der Kirmis. Das können selbst stabile Kinder nicht lange aushalten und werden dadurch instabil. Dann entstehen sensomotorische Probleme, die sich im Verhalten und der Konzentrationsfähigkeit zeigen können.
Aus eigener Erfahrung als Mutter weiß ich sehr wohl, dass es bei diesen Themen immer wieder Kompromisse braucht. Das mache ich den Eltern in der Behandlung auch immer klar, dass bei aller Liebe und Sorge auch ihre Bedürfnisse mit in die familiäre Gleichung eingehen. Ich finde aber auch, dass wir ehrlich sein sollten und uns die Frage stellen müssen: Geht es um das Wohl der Kinder oder geht es um die Interessen, Bedürfnisse und Ängste der Eltern? Nur wer unterschiedliche Bedürfnisse klar erkennt und benennt, kann Kompromisse rechtfertigen und aushalten. Dass erarbeite ich in der Therapie mit den Eltern und drücke ich deutlich im Buch aus.

PHYSIOtalk: Jetzt nach dem Buch und CD erschienen sind, haben Sie neue Projekte?

Valbona Ava Levin: Ich würde mich freuen, wenn ich mit diesem Büchlein aktiver in die Prävention gehen könnte. Hier zeichnen sich schon erste Kooperationen ab. Das Wissen über die senso-motorische Entwicklung würde das Leben vieler Kinder erleichtern. Meiner Meinung gehört es in die Elternhefte und in die Krippen, in die Schulen und in die Grundausbildung der Tagesmütter, in die Bonusprogramme der Krankenkassen und als Beilage zu den Windelpaketen. Das ist natürlich etwas zu optimistisch. Aber mein Mann und ich sind dabei unser GOJA®-Projekt in eine GOJA®-Foundation umzuwandeln und so diese Arbeit auf eine breitere Basis zu stellen. Prävention und Information, sensomotorische Übungen und die gewebliche Arbeit der Osteopathie kommen hier zusammen, um die seelische körperliche und sprachlich-kognitive Entwicklung der Kinder zu unterstützen.

Vielen Dank für das Interview und alles Gute für Sie!

Hier geht`s zum Buch.

 




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